Majestätisch segeln sie an uns vorbei, Flügelspannweite über zwei Meter, glänzende Federn, nackter schwarzer Kopf. Endlich begegnen wir dem König der Lüfte, dem Kondor! Es ist der grösste fliegende Vogel der Welt. Eine ganze Familie gleitet vor uns hin und her und beobachtet uns, so wie wir sie. Es gibt schwarze ausgewachsene Tiere mit weisser Halskrause, und braune Jungtiere. Unter uns stürzen die Felswände über tausend Meter in die Tiefe – der Colca Canyon ist noch vor dem Grand Canyon die dritttiefste Schlucht der Welt.
Für dieses Naturschauspiel hat es sich gelohnt, früh aufzustehen. Im unbequemen Touristen-Minivan sind wir um drei Uhr nachts losgefahren, um für den Morgenflug der Kondore am Aussichtspunkt Cruz del Condor zu sein. Wir und viele andere Touristen. Bei schönem Wetter nutzen die Vögel die Aufwinde – und vermutlich sind sie auch neugierig auf die komischen, bunten Zweibeiner, die ihnen beim Fliegen zuschauen.




Runter, rauf, runter und rauf
Das idyllische Dorf Cabanaconde ist der Ausgangspunkt für Wanderungen in den Colca Canyon. Viele Touristen kommen mit Touren hierher, wir aber gehen auf eigene Faust los. Unterkünfte gibt es genug im Canyon oder in den umliegenden Dörfern. Ein Holzhüttchen oder ein einfaches Zimmer mit Bett und etwa 5 Wolldecken, schweren Wolldecken. Manchmal sogar eine warme Dusche. In Llahuar genießen wir einen winzigen Pool mit Thermalwasser inkl. Bier in der Hand, in der Palmenoase Sangalle einen großen Swimmingpool. Eindrücklich, wie viel wärmer es auf 2000m auf dem Boden der Schlucht ist als oben auf dem Rand auf 3200m!









Am sympathischsten ist jedoch die Unterkunft bei Maruja in Tapay, ein winziges Bergdorf, das wie so viele fast nur noch von Senioren bewohnt wird. In den 30 Haushalten leben nur 2 Kinder. Das Essen ist dort von allen Unterkünften am besten, das Alpaka-Steak ist super lecker. Im Hinterhof gibt es ein Gehege mit Meerschweinchen, Cuy genannt, ein Festmahl zu besonderen Anlässen. Alle sechs Kinder von Maruja und ihrem Mann leben in Arequipa. Wenn sie zu Besuch kommen, wie etwa über Ostern, müssen ein paar Meerschweinchen daran glauben.
Wilde Landschaften und Vicuñas
Am letzten Morgen geht es frühmorgens zwei Stunden und 1000 Höhenmeter hinauf, um den Bus zurück nach Arequipa zu erwischen. Zum Glück erleben wir diese sechsstündige Fahrt auch bei Tag, denn sie führt über eine bis zu 4800m hohe Hochebene, mit Blick auf Vulkane, riesige Lamaherden und wilde Vicuñas. Wir wollen noch in der kommende Nacht im Schlafbus (Sitze mit um 160° abklappbarer Lehne) nach Cusco fahren – hier wartet der Salkantay-Trek auf uns – und vor allem das Weltwunder von Macchu Pichu!
Das Wandern ist einfach, denn die Wege sind recht flach und in Serpentinen angelegt, damit die Maultiere gut hinauf und wieder runterkommen. Sie werden bis heute für Transporte und Feldarbeit eingesetzt, für Maschinen ist es hier viel zu steil. Trotzdem werden Ungeübte wie wir nach tausend Höhenmetern Abstieg mit Muskelkater belohnt… Die Regenfälle haben einige Brücken und Wege mitgerissen, deshalb müssen wir recht oft entlang der Strasse wandern. Dafür können wir in den Dörfern einen Blick auf den Bergalltag Perus werfen. Es gibt Strom, aber keine asphaltierten Strassen, manche haben sogar eine Solar-Warmwasseranlage auf dem Wellblechdach. Die ärmlichsten Häuser bestehen noch aus dem traditionellen Lehmmörtel, sie sind klein, dunkel und feucht. Wie überall spielen auch hier die Schulkinder Fussball, aber im umzäunten Feld, damit der Ball nicht im Abgrund verloren geht…







