Warum ist der Mann so gross? Warum hat er keine Haare? Die Drei- bis Vierjährigen möchten allerlei von uns wissen. Sie sind genauso neugierig auf uns wie wir auf sie. Besonders Edwin, der die Bolivianer um mindestens 30 cm überragt, fasziniert die 30 kleinen Knöpfe.
Wir besuchen ein Hilfsprojekt in El Alto, der Neustadt von La Paz, welche als Auffangbecken der ruralen indigenen Bevölkerung fungiert. Das Projekt wird von der Schweizer Zewo-zertifizierten Stiftung “Hilfe für Menschen in Bolivien” unterstützt. Edwin hat ja zum 50. Geburtstag gesammelt und ist über alte Connections auf dieses in Winterthur gegründete Projekt gestossen. Der bolivianische Koordinator Edwin Laruta (der Vorname ist in Südamerika häufiger als bei uns) hat uns abgeholt und erzählt voller Enthusiasmus von den Chancen, die das “Centro Infantil San Urbano” den Kindern und ihren Familien bietet.






Auf den Arm genommen
Die Kinder begrüssen uns mit fröhlichem Hola und mehrere umarmen unsere Beine. Auch Edwin Laruta hat – schwupps – ein lachendes Mädchen auf den Arm genommen. Wir denken daran, dass Kindern in der Schweiz gesagt wird, sie sollen sich von Fremden fernhalten. Hier aber gilt es, den Kindern Geborgenheit und Vertrauen zu geben.
Wir setzen uns im bunt gestrichenen Klassenzimmer auf winzige Stühle und schauen zu, was die Kinder machen. Sie üben mit Scheren Papierfiguren auszuschneiden. Die Feinmotorik trainieren, sagt die Erzieherin Claudia. Am rechten Handgelenk haben alle ein blaues Band, um rechts und links unterscheiden zu lernen. Das Zentrum nimmt Kinder zwischen einem und vier Jahren auf, ihre Eltern sind alleinerziehend oder sonst in schwierigen Verhältnissen – wie so viele im armen, von der Landflucht geprägten El Alto. Die Menschen vom Land haben kaum Schulbildung und können oft nicht einmal richtig Spanisch (sie sprechen Aymara, eine der 37 Sprachen Boliviens).







Das Zentrum nimmt ihre Kinder für den Tag auf, damit die Mütter sie nicht auf die Strasse mitnehmen müssen. Viele Mütter sind erst 18 bis 22 Jahre alt und verdienen etwas Geld damit, auf der Strasse Papierservietten, Plastikwaren oder Bonbons zu verkaufen. Das Zentrum gibt ihren Kindern einen sichere Bleibe und unterstützt sie durch gute Ernährung, Gesundheitsvorsorge wie Impfen oder Zähne putzen und fördert ihre Sprach- und motorischen Kompetenzen. Seit 20 Jahren schon..
Die Entwicklung fördern
Die Schweizer Stiftung führt das Zentrum gemeinsam mit der bolivianischen NGO Contexto und dem Staat. Es gibt zwei Klassen, mit den ein- bis zweijährigen und den drei- bis vierjährigen. Die ganz Kleinen lernen zum Beispiel ihren eigenen Namen zu erkennen, mit Klötzen bauen und ohne Windeln aufs Klo zu gehen. Die Grossen werden auf den Kindergarten vorbereitet, lernen etwa Farben und Formen kennen. Was in der Schweiz für die meisten Eltern selbstverständlich ist – mit dem Kind zu sprechen, (Lern-)Spiele zu machen, gesund zu kochen u.s.w. – fehlt diesen Kindern hier. Manche sind regelrecht apathisch und interagieren weder mit Erwachsenen noch den anderen Kindern.
Die Eltern der Kinder beteiligen sich durch Putzen, Brotbacken, Früchte und Gemüse kaufen und nehmen an regelmässigen Infoveranstaltungen teil. Sie lernen etwa, was gesundes Essen ist. Alles zusammen soll den Kindern den bestmöglichen Start ins Leben und zur Bildung ermöglichen. “Wir helfen den Kindern, damit sie bessere Ausgangsbedingungen für die Zukunft haben”, sagt Graciela, die Projektleiterin der NGO Contexto. Am Ende unseres Besuches sind wir gerührt und überzeugt, dass hier etwas Gutes geschieht. Die Leiterin und Erzieherinnen sind motiviert und liebevoll. Unsere Unterstützung ist ihnen sicher (und auch jene derjenigen unter euch, die an Edwins Geburtstag gespendet haben – vielen Dank!)





Kinder in der Minenstadt Potosi
Edwin Laruta treffen wir ein paar Tage später in Potosi noch einmal. Die Minenstadt ist ein rauer Ort, die Minenarbeiter verdienen zwar besser als Handwerker ausserhalb, sterben aber früh mit 40 bis 50 Jahren an Silikose oder Lungenkrebs. Die Frauen zerkleinern und sortieren Erz. Auch dort unterstützt die Stiftung “Hilfe für Menschen in Bolivien” ein Centro Infantil, das wie jenes in La Paz funktioniert, und hat zudem einen brandneuen Kindergarten gebaut. Den betreibt das Bildungsministerium der Provinz ohne weitere private Beiträge.
Auch hier stürzen sich Kinder auf uns und zeigen stolz, was sie schon können. Mit dem Löffel essen! Seidenpapier zu Kügelchen zerknüllen! Hände waschen! “Ich muss aufs Klo”, sagt ein Junge zu Bea, die ihn an die Erzieherin weiterleitet… Wieder setzen wir uns auf die Stühlchen, trinken Haferschleim und viel zu süssen Tee (die Kinder sind es so gewöhnt und würden ungesüssten Tee nicht trinken…). Auch hier spüren wir das Engagement und die Zuneigung zu den Kleinen.
Bolivien? Sehr nett, aber mit vielen Problemen…
Beim neuen Kindergarten treffen wir zwei Freundinnen von Edwin, die eine arbeitet für die NGO Contexto, die andere ist Parlamentarierin für eine linke Partei. Bei Kaffee und trockenem Gebäck unterhalten wir uns angeregt über die Situation der Familien (schwierig) und in ganz Bolivien (Regierungs- und ökonomische Krise). Viel funktioniert nicht richtig. So soll ein neues (staatliches) Lithiumwerk im Salar de Uyuni, wo eines der grössten Lithium-Vorkommen der Welt lagert, Bolivien aus der Armut helfen – Kritiker befürchten jedoch, dass die technischen und wirtschaftlichen Kompetenzen fehlen und die Umwelt leiden wird. Oder: in Potosi wurde ein grosses Zementwerk gebaut, um Arbeitsplätze zu schaffen. Aber der Start verzögert sich, weil es am Rohstoff für Zement, am Zugang zu Wasser und Strom fehlt… Wir hoffen, dass mit den Kindern der nächsten Generation mehr Kompetenz heranwächst…
